Eine Schule für alle - geht das?

Verschiedenheit und Vielfalt sind kennzeichnende Merkmale der Volksschule. Sie betreffen (Entwicklungs-)Alter, Geschlecht, Leistung, Sprache und Herkunft der Schülerinnen und Schüler. Dies zu akzeptieren heisst, individuelle Lernwege zu ermöglichen und zielgerichtet zu begleiten (Lehrplan 21). Dies ist herausfordernd und bereichernd zugleich

 

Die Frage, die sich immer wieder stellt, lautet: wie weit kann dies gehen? Können wirklich alle Schülerinnen und Schüler integriert werden? Ist dies immer sinnvoll? Wann überfordert die Idee der Integration das System?

 

Die Antwort ist auch eine Frage der Haltung. Ich persönlich verfolge als Vision die Idee der Inklusion, die noch weiter geht als die Idee der Integration. Was dies bedeutet beschreibe ich im folgenden Beitrag. 

Integration - Inklusion? Was bedeuten die Begriffe?

Das Schweizerische Zentrum für Heilpädagogik definiert die Begriffe wie folgt: 

Integration bezeichnet die Eingliederung von Menschen in Systeme (z.B. eine Schule), die für die Allgemeinheit erstellt wurden. Dies im Unterschied zur Separation, bei der spezielle Strukturen für eine Auswahl von Menschen geschaffen wurden. 

 

Inklusion wird häufig als Vision verstanden, in deren Richtung die Gesellschaft sich entwickeln soll. Die Gleichwertigkeit und die Unterschiedlichkeit der Menschen finden ihren Platz, die Vielfalt ist Normalität.  Schulische Inklusion meint die vollzeitige wohnortsnahe Regelschulung aller Schülerinnen und Schüler. Die Schule hat sich den Kindern und Jugendlichen anzupassen. Schulische Inklusion duldet keine Sonderschulen. Selektion widerspricht der Inklusion.

 

In der Abbildung werden die verschiedenen Formen veranschaulicht. Quelle: SZH

Wie wird Inklusion bzw. Integration bislang umgesetzt?

Nun zeigt die Statistik der Sonderpädagogik des BFS, dass immer noch 41% der Schülerinnen und Schüler mit besonderem Förderbedarf eine Sonderschule besuchen und 6% der Lernenden eine besondere Fördermassnahme in einer Sonderklasse an einer Regelschule erhalten. Rund 53% der Lernenden mit einer verstärkten Massnahme sind in eine Regelklasse integriert. Obwohl das Behindertengleichstellungsgesetz und die UNO-BRK der integrativen Schule den Vorrang geben, besucht also nach wie vor ein grosser Teil der Kinder mit besonderem Förderbedarf die Sonderschule.

Ich habe die Integration in meinem Berufsleben von verschiedenen Seiten beobachtet. So habe ich bspw. bei der Evaluation der Umsetzung des Integrationsartikels in der Stadt Bern mitgearbeitet. Oder mich als stv. Schulleiterin dafür eingesetzt, dass Kinder mit besonderem Förderbedarf schon im Kindergarten angemessene Unterstützung erhalten. Aus der Bildungsforschung weiss ich, dass schulische Integration der richtige Weg ist. In der Praxis muss ich mich immer mal wieder gegen meine aufkeimenden Zweifel wehren. Ich sehe, wie sich die Bildungspolitik, die Schulen, teils auch Eltern um eine klare Haltung ringen. Dass einige sogar die Separation bevorzugen würden. Mit der Begründung, dass die Schülerinnen und Schüler in den Sonderklassen besser gefördert werden können und dass sie dort ein besseres Selbstkonzept aufbauen können. Selbst Margrit Stamm stiess letzthin in einem Interview in dieses Horn. Wieder andere befürchten, dass ihre normal- oder hochbegabten Kinder im integrativen Unterricht nicht angemessen gefördert werden können. (Hochbegabung bedeutet im Übrigen auch einen besonderen Förderbedarf).

Ich kann diese Begründungen und Befürchtungen teils nachvollziehen. Mit den Ressourcen, die den Schulen aktuell für die Integration zur Verfügung stehen, ist eine gute Umsetzung sehr herausfordernd, wenn nicht überfordernd. Für die Lehrpersonen ebenso wie für die integrierten Schülerinnen und Schüler. Eine einfache Schlussfolgerung könnte nun sein: Der Gedanke der Integration ist schön und gut, doch er taugt nicht zur Umsetzung. Eine Schule für alle geht folglich nicht. 

Meiner Vision der Schule für alle entspricht dies aber nicht. Dazu später mehr. Zuerst will ich einen Abstecher in die Bildungsforschung machen. 

Aus der Bildungsforschung

Das Heilpädagogische Institut der Universität Freiburg beschäftigte sich über Jahrzehnte mit der Frage, ob für Kinder mit Schulschwierigkeiten eine Beschulung in Sonderklassen oder Sonderschulen angebracht ist. Im Rahmen eines vom Nationalfonds geförderten Programms wurden die Langzeitwirkungen der schulischen Integration auf die Laufbahnen von Kindern mit Schulschwächen und mit Migrationshintergrund untersucht. (Nicht in die Studie einbezogen wurden Menschen mit einer geistigen Behinderung oder mit schweren Mehrfachbehinderungen.) Die Ergebnisse zeigen, dass die Separation von schulschwachen und sozial benachteiligten Kindern in Sonderklassen und Sonderschulen deren Chancen auf berufliche und soziale Integration im Erwachsenenalter deutlich verschlechtern. Separation wirft ihre Schatten über die Schulzeit hinaus bis in die berufliche und soziale Integration im jungen Erwachsenenalter. Ehemalige Sonderschülerinnen und -schüler haben ein etwa vervierfachtes Risiko, drei Jahre nach Schulabschluss keinen Zugang zu einem Beruf zu finden und damit auch sozial isoliert zu werden. Dies zeigt sich auch dann, wenn die Jugendlichen aus Klein- oder Sonderklassen mit bezüglich Intelligenz, Schulleistung und sozialer Herkunft ähnlichen Regelklassenabgängerinnen und -abgänger verglichen werden. Integrative Beschulung führt gemäss dem Forschungsteam auch zu besseren Schulleistungen der integrierten Kinder, zu einem höheren Fähigkeitsselbstkonzept und zu einer besseren sozialen Integration. Und sie bremst die anderen Schülerinnen und Schüler nicht. (Eckhart, Michael et al. (2011): Langzeitwirkungen der schulischen Integration. Bern: Haupt.) 

Ein Blick in den Kanton Wallis

Gemäss dem Familienbericht 2018 des Büro Bass hat der Kanton Wallis "ein fortschrittliches Dispositiv erarbeitet, das die Unterstützung von Kindern zwischen 0 und 20 Jahren mit besonderem Unterstützungsbedarf sicherstellt." Dies umfasst Hilfsmassnahmen wie die heilpädagogische Früherziehung, pädagogisch-therapeutische (Logopädie und Psychomotorik) sowie psychologischen Massnahmen und die sonderpädagogischen Massnahmen. Sämtliche Massnahmen sind für die Familien kostenlos. Das Walliser Konzept ist Teil der interkantonalen Vereinbarung über die Zusammenarbeit im Bereich der Sonderpädagogik. Das Wallis war der erste Kanton, der diese Vereinbarung unterzeichnete. Doch der Bericht weist auch darauf hin, dass die für die Betreuung von Kindern mit Unterstützungsbedarf vorgesehenen Ressourcen im Vergleich zu anderen Kantonen knapp bemessen sind. Das Wallis positioniert sich im Kantonsvergleich im unteren Bereich. Die Zahlen dazu finden sich im Familienbericht. Sie sind augenöffnend. 

Auf dem Weg zur inklusiven Gesellschaft

Mit Blick auf die Zahlen des Kantons Wallis kann ich nachvollziehen, dass Lehrpersonen, Heilpädagoginnen oder Eltern den Wunsch nach einem separativen Modell verspüren. Eine Schule für alle ist zwar aus der Sicht der Bildungsforschung angezeigt. Doch es braucht angemessene Ressourcen zur Umsetzung. Wenn Integration eine versteckte Sparmassnahme ist, dann geht sie nicht. Dies ist für mich klar. 

 

Inklusion meint eine Schule und eine Gesellschaft, in der allen Menschen gleiche Achtung zu teil wir und, in der alle Menschen als gleichwertig angesehen werden. Wenn wir von der Idee der Inklusion ausgehen, dann verabschieden wir uns von der Idee, dass es Menschen mit besonderem Förderbedarf gibt. Dann gibt es einfach Menschen. Wir sind alle verschieden, tragen alle unsere Rucksäcke und haben alle unseren Förderbedarf.

 

Ich habe keine eindeutige Antwort auf die Ausgangsfrage. Eine Schule für alle - geht das? Es sollte möglich sein. Mit den aktuellen politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ist die Umsetzung schwierig. Also bleibt die Idee im Moment eine Vision. Eine grosse Vision, dessen bin ich mir bewusst. Kritische Stimmen mögen nun sagen, dass sie in der Realität nicht umsetzbar ist, dass ich eine Träumerin bin. Vielleicht ist die Vision nicht in dieser Radikalität erreichbar. Doch handlungsleitend bleibt sie für mich. 

 

Um es etwas abgeändert mit dem Forschungsteam um Michael Eckhart zu sagen und auf meine Bildungspolitik anzuwenden: "Das Wissen, dass der Weg zu dieser Vision immer wieder durch den elitären Bildungsbegriff versperrt wird, darf uns nicht zu Anpassern an den Zeitgeist und seine politischen Strömungen machen. Es ist zwar schwierig, die Kluft zwischen Realitäten und Visionen gelassen zu ertragen. Aber wenn wir nicht übersehen, dass es eine Kluft gibt, werden wir auch in Zukunft die angemessenen Fragen finden und bearbeiten können" (Eckhart et al. 2011, S. 114).