Für eine neue Zeitpolitik

... zur Anerkennung der Care- und Freiwilligenarbeit.

 

Tönt noch gut, oder? Eine neue Zeitpolitik. Die auch grad all die Herausforderungen der Care- und Freiwilligenarbeit löst. Ich habe darüber an der Frauensession am Open Mic gesprochen. Aber was ist damit gemeint? Es geht darum, die Zeiten für Erwerbsarbeit, Familienarbeit, Politik, Kultur neu zu denken. Und zwar für alle. Frauen, Männer, alle Menschen.

 

Die Idee ist feministisch, sozial, in einem gewissen Sinn (noch) utopisch. Ich lade euch ein, euch darauf einzulassen. Here we go. 

Wie komme ich überhaupt darauf, dass wir eine neue Zeitpolitik brauchen? Ausgangspunkt ist die Erkenntnis von Franziska Schutzbach, die in ihrem Buch "Die Erschöpfung der Frauen" schreibt, dass Frauen heute alles können, aber auch alles sollen. Das geht nicht nur Frauen so, sondern allen Menschen, die sich an Haus- und Familienarbeit beteiligen, die sich um ihre Eltern und pflegebedürftige Angehörige kümmern, die Voll- oder Teilzeit erwerbstätig sind, die in einem Sport- oder Musikverein im Vorstand sind, politisch engagiert, Hobbies haben etc. etc. 

 

Einige werden nun denken, das sei selbst gewählt. Aber so einfach ist es nicht. Und unsere Ansprüche sind heute anders, oft grösser. An Leistung in der Arbeit und in der Freizeit, an die Erziehung und Begleitung der Kinder. Interessant finde ich beispielsweise diesen Punkt: selbst wenn wir heute vermehrt erwerbstätig sind, verbringen wir nicht weniger aktive Zeit mit den Kindern. Das zeigt die untenstehende Grafik. Sie vergleicht die Zeit, die Eltern in unterschiedlichen Ländern aktiv mit ihren Kindern verbringen und zeigt, dass die landläufige Meinung, die Eltern hätten heute keine Zeit mehr für ihre Kindern, schlicht nicht stimmt. Woher nur nehmen sich die Eltern diese Zeit? Wo machen sie Abstriche? 

Ja genau, im Ehrenamt, in der Politik, im Sport und der Kultur (und natürlich auch bei der Zeit für sich, also der Zeit für Selbstfürsorge). Teresa Bücker schreibt in einer Kolumne in der SZ: «Kommunalpolitik, Kindergarten, Fußballverein: Es würde die Gesellschaft stärken und neue Perspektiven eröffnen, wenn mehr Menschen sich sozial engagieren könnten. Doch vielen fehlt die Zeit.»

 

Damit sich Menschen zivilgesellschaftlich engagieren können, sollte es also eine neue Zeitpolitik geben. Für Bücker ist das Ziel: "Zeitgerechtigkeit für politische Partizipation". Ich würde dies ergänzen mit: Zeitgerechtigkeit für Teilhabe und Mitgestaltung der Gesellschaft. 

 

(Kleiner Exkurs: Bücker merkt ergänzend an, dass in Bezug auf das Ausüben eines Ehrenamts ähnliche Exklusionsmechanismen wirken wie in anderen Gesellschaftsbereichen. «Menschen mit einer hohen formalen Bildung, aus höheren Einkommensgruppen, ohne Migrationsgeschichte und solche, die sich subjektiv gesund fühlen oder keine Erkrankungen haben, sind im freiwilligen Engagement überrepräsentiert.»)

Wir müssen die Wirtschaft neu denken

Was wir an der Frauensession und im Verfassungsrat im Moment machen, in dem wir Care- und Freiwilligenarbeit besser anerkennen, ist eine Politik der kleinen Schritte. Aber ganz ehrlich: wir müssten eigentlich grösser denken und es auch aussprechen: Die Forderung nach einer besseren Anerkennung und gerechteren Verteilung von Care- und Freiwilligenarbeit ist nicht mit den bestehenden ökonomischen Verhältnissen vereinbar. Wenn alle Menschen Sorgearbeit leisten, erwerbs- und ehrenamtlich tätig sein sollen und dabei gesund bleiben sollen, brauchen sie dafür Zeit. Ich weiss, die Forderung ist radikal, der Lösungsansatz noch eine Utopie. Wir sind nicht soweit. Doch wenn die Frage niemand stellt, werden wir nie soweit sein. 

 

Franziska Schutzbach formuliert die neu ökonomische Grundfrage so: «Was brauchen Menschen, damit es ihnen gut geht? Wirtschaft muss sich am Wohl der Menschen und ihren realen Bedürfnissen ausrichten. Das heisst, an der Tatsache, dass jeder Mensch im Laufe seines Lebens sehr viele Stunden Pflege benötigt. Sei es als Kind, als kranker oder alter Mensch».

 

Mit Frigga Haug plädieren sowohl Schutzbach wie auch Bücker für die Vier-in-einem Perspekive. Eine Utopie von Frauen, die eine Utopie für alle ist. Die Idee: "Menschen können jeweils die gleiche Summe Zeit – vier Stunden am Tag – für die Lebensbereiche Erwerbsarbeit, Fürsorgearbeit, Kultur und Politik aufwenden". Eine Verkürzung der Vollerwerbsarbeitszeit also. Oder mit anderen Worten, eine 4-Tage-Erwerbsarbeitswoche. In der Zeit für Selbstfürsorge bleibt. 

 

Je häufiger ich darüber nachdenke und darüber lese, umso mehr komme ich zum Schluss, dass wir diesen Gedanken ernsthaft verfolgen sollten. Eine Verkürzung der Vollerwerbsarbeitszeit bringt Zeit für ehrenamtliche oder politische Engagements für alle und bringt eine stärkere Einbindung von Männern und damit eine gerechtere Verteilung von unbezahlter Sorgearbeit. Das führt schliesslich zu einer gerechteren Teilhabe aller Menschen an der Gesellschaft. 

 

Lasst uns also diese Ideen gemeinsam weiterdenken und gemeinsam nach Lösungen suchen, wie wir in Zukunft eine neue Zeitpolitik umsetzen können. Ich freue mich auf eure Rückmeldungen, eure Gedanken. 



 

 

Danica Zurbriggen Lehner

3920 Zermatt