Wann verändern wir unsere Mindsets?

Was haben Rentenalter 65 und Scheidungsurteile mit unseren Mindsets zu tun? Ist es unfair, das Rentenalter der Frauen zu erhöhen, solange Frauen auf dem Arbeitsmarkt nicht die gleichen Chancen haben wie Männer? Oder: wo fangen wir an? 

Die Chancen auf dem Arbeitsmarkt

Der Grund, weshalb Frauen auf dem Arbeitsmarkt oft schlechtere Chancen haben ist schlicht und einfach der, dass Arbeitgebende fürchten, sie hätten zu viele Fehlzeiten. Weil sie schwanger werden könnten und dann in Mutterschaftsurlaub gehen, diesen womöglich verlängern oder danach reduzieren wollen. Oder weil sie fehlen, wenn die Kinder krank sind. 

 

Bei Vätern hingegen ist das anders. Hier wird davon ausgegangen, dass sie immer für die Firma da sind. Weil sie nach der Geburt eines Kindes in den meisten Betrieben nur zwei Wochen fehlen*, weil sie sich auf ihre Partnerin verlassen können, die zu den Kindern schaut wenn sie krank sind oder wenn in der Schule unvorhergesehenes Programm stattfindet. So das Mindset. Die Statistik des BFS zeigt: es ist (noch) genau so: In fast drei Viertel der Fälle bleibt die Mutter zu Hause, wenn das Kind krank ist. Dies zeigt die Grafik des BFS eindrücklich.

 

Und ein paar Worte zu den Löhnen: Frauen verdienen gemäss BFS immer noch 19% weniger als Männer. Im Durchschnitt sind das 1512 Franken pro Monat. Es ist auch so, dass Frauen bereits beim Berufseinstieg tiefere Löhne haben als Männer. Also nicht erst, wenn sie nach der Familienpause wieder einsteigen und weniger Berufserfahrung vorweisen können. Der unerklärte Lohnunterschied beträgt bereits beim Einstieg bei gleichen Voraussetzungen (Abschlussnote, Tätigkeitsbereich, soziodemographische Faktoren etc.) rund 7% oder 280 Franken pro Monat.

 

Es gibt also Handlungsbedarf. Und dieser wird wahlweise zwischen Politik, Wirtschaft und den Frauen und Männern hin und hergeschoben. Wie kommt Bewegung in die Sache? 

Rentenalter 65, Scheidungsurteile oder die Frage: wer macht den Anfang?

Ich bin keine Gegnerin von Rentenalter 65 für alle (wobei mein Ideal flexible Lösungen wären). Auch die viel diskutierten Scheidungsurteile des Bundesgerichts geben vor, wie es sein sollte: beide haben finanzielle Verantwortung zu übernehmen. Doch diejenigen Frauen, die es grad jetzt und als nächstes betrifft, konnten sich nicht darauf vorbereiten. Die erwischt es auf dem falschen Fuss. Die gesellschaftliche Erwartung an sie war (und ist es oft immer noch), für Familie und Haushalt zu sorgen, ihre berufliche Laufbahn zurückzustellen. Die Bundesgerichtsurteile kommen also eigentlich zu früh. Zuerst müssten die Rahmenbedingungen stimmen. Aber vielleicht gehts nun halt andersrum? Vielleicht rütteln die Urteile auf und bringen etwas in Gang. Bei Frauen und bei Männern.

 

Dasselbe gilt für die Erhöhung des Rentenalters. Frauenorganisationen finden, die Revision der AHV dürfe nicht auf dem Buckel der Frauen erfolgen. Dem pflichte ich bei. Und gleichzeitig finde ich, wir müssen alle einen Schritt aufeinander zugehen. Wenn wir immer darauf warten, dass die anderen den ersten Schritt machen, kommen wir einfach nicht vorwärts. Es gilt, im gesamten Bereich der Altersvorsorge nach einer besseren Absicherung für Frauen zu streben. Dazu gehört nicht nur die AHV. Wichtige Weichen müssen bei der BVG-Reform gestellt werden, die ebenfalls auf der Traktandenliste des Parlaments ist. Stichwort: Koordinationsabzug.

 

Die Umsetzung dieser beiden grossen Veränderungen wird mittel- und längerfristig nur dann nicht auf dem Buckel der Frauen ausgetragen, wenn sie im Beruf die gleichen Chancen haben wie Männer. Wenn sie sich eine Laufbahn aufbauen können, die finanzielle Unabhängigkeit garantiert. Und wenn gleichzeitig Männer zu Hause und in der Familie genauso Verantwortung übernehmen. Dazu gehört eben ein verändertes Mindset, bei den Arbeitgebenden und Arbeitnehmenden. Wir müssen wegkommen von der Idee, dass Frauen im Betrieb ausfallen wenn die Kinder krank sind und Männer immer da sind. Wir müssen uns bewusst sein, dass Menschen neben der Erwerbsarbeit Care Verantwortung haben. Und wertschätzen, wenn sie diese Verantwortung wahrnehmen. Und, hier werfe ich ein grosses Thema ein: wir wir täten gut daran wegzukommen vom Ideal der bürgerlichen Kleinfamilie. Warum nur haben wir die fixe Idee, dass die Kleinfamilie alles selber schaffen muss? 

 

Zum Schluss: Wir können Frauen nicht an Familie und Haushalt binden so lange es uns gefällt und genehm ist und dann schwupp, erwarten dass sie es selber richten. Wir müssen Strukturen ändern, und Mindsets. Auch wenn es sich falsch anfühlt: vielleicht rütteln Rentenalter 65 und die Scheidungsurteile auf. Und bringen endlich Bewegung in die Sache. Was meint ihr dazu?


*diese zwei Wochen wurde im Abstimmungskampf aus Betriebssicht schon als höchst problematisch eingestuft


 

 

Danica Zurbriggen Lehner

3920 Zermatt