Aufrüsten oder Abrüsten? Was soll die Friedenspolitik tun?

Wie geht es euch in diesen Tagen? Mit dem Wissen um den Krieg in der Ukraine? 

 

Ich muss gestehen, ich bin betrübt, verwirrt, zuweilen auch etwas verängstigt. Ich lese und höre viel. Schnelle News auf Twitter, was der Krieg mit dem Oberwallis zu tun hat im Walliser Boten, Einordnungen im Echo der Zeit, in der Republik, in deutschsprachigen Tageszeitungen.

 

Es beruhigt mich, redaktionelle Beiträge zu lesen. Und es beunruhigt mich, die Diskussionen ums Aufrüsten zu verfolgen, Kommentare vom «woken» Westen zu lesen. Und vor allem weiss ich nicht, was ich davon halten soll. 

 

Die Welt besser machen – durch Aufrüstung und Machtdemonstration?

Bundeskanzler Scholz in Deutschland beschliesst, mehr als zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts in die Verteidigung zu investieren und Bundesrätin Viola Amherd fordert, die Unterschriftensammlung zur Volksinitiative «Stop F-35» einzustellen. FDP und SVP wittern Morgenluft, sie fordern eine massive Erhöhung des Militärbudgets. Und die armeekritischen Stimmen sind auffällig leise, wenn nicht stumm. 

 

Nicht wenige - mich eingeschlossen - fragen sich: Waren wir naiv? Ist die einzige Chance auf Frieden wirklich, dass alle Staaten aufgerüstet sind? Macht demonstrieren? Müssen wir anderen Angst machen, damit sie uns nicht angreifen? Was für ein Menschenbild steckt da dahinter? Wollen wir eine solche Welt? Und wenn wir eine solche Welt nicht wollen, müssen wir mitmachen, weil es immer Menschen wie Putin geben gibt, die sich nicht um Moral und Völkerrechte scheren? 

 

Müssen wir vorsorglich Milliarden fürs Militär ausgeben in der Hoffnung, dass wir es nie brauchen? Im Wissen, dass das Geld wieder anderswo fehlt? In der Bildung, im Care-Bereich, etc.? Frauen in die Dienstpflicht einbeziehen und von ihnen fordern, dass sie "der Gesellschaft etwas zurückgeben", wie Maja Riniker dies in einem Interview im SRF forderte? Etwas zurückgeben? Bei 8.7 Mia Stunden unbezahlter Care-Arbeit zu einem Wert von von über 80 Milliarden Franken? Ich musste laut lachen, als ich ihr zuhörte. Aber gut, ich habe nichts gegen diese Diskussion um die Dienstpflicht einzuwenden. Frauen können auch Dienst leisten, sowie Männer sich auch verweigern dürfen sollten. 

 

Doch die Frage bleibt: können wir die Welt nur mit Panzern besser machen? So traurig wie das tönt? Ich bin sehr froh um eure Einschätzungen dazu. Also nur zu. 

 

Erziehung prägt Gesinnung

Ich leite beruflich ein Programm zur gewaltfreien Erziehung. Kinder sollen dabei nicht nur gewaltfrei aufwachsen, sondern in einem entwicklungsfördernden Umfeld. Sie sollen Lebenskompetenzen erwerben, zu psychisch gesunden und widerstandsfähigen Erwachsenen heranwachsen. Wir setzen uns auch mit Traumapädagogik auseinander. Damit, was Gewalt in der (frühen) Kindheit mit Kindern macht. 

 

Wir wissen, dass Kinder die Gewalt erleben, später ein erhöhtes Risiko haben, selbst gewalttätig zu werden. Wir wissen, dass der autoritäre Erziehungsstil einhergeht mit Anfälligkeit für populistische Botschaften. Oder um es mit den Worten von Herbert Renz Polster zu sagen: «Erziehung prägt Gesinnung»Wollen wir eine friedliche Welt, müssen wir unsere Kinder also entsprechend erziehen. Eben nicht autoritär, sondern anleitend. 

 

Nun ist dies aber ein krasser Widerspruch zu dem, was wir gerade erleben und was ich im Kapitel oben beschreibe (deshalb ist meine kognitive Dissonanz auch so gross). Der Ruf nach einem starken Militär wird lauter, die Welt wird autoritärer. Ich erkläre mir dies einerseits mit einem kollektiven Trigger, einem kollektiven «inneren-Kind-Modus». In Stress-Situationen fallen wir als Individuen ja oft unbewusst und sehr rasch in alte Muster zurück. Muster, die wir aus unserer Kindheit gelernt haben. Nun passiert das gerade mit dem Westen. Rational wissen wir zwar, dass wir keine Aufrüstung wollen – die meisten zumindest, bei einigen Politikern sehe ich das anders. Doch dieser Krieg in der Ukraine hat eine dermassen grosse Wirkung, dass wir dies in Frage stellen. Erinnerungen an vergangene Kriege werden wach. Wir holen die Muster aus diesen Tagen hervor. Und das erachte ich als gefährlich, für Europa und die Welt insgesamt. 

Die Erzählung vom «woken» Westen

Natürlich liess sie nicht lange auf sich warten. Die Erzählung über den Westen, der sich mit LGBTQI-Themen und Genderstern beschäftigt, mit Solarpanels, Wohlstandsthemen. Dass der Westen nicht vorbereitet sei auf diesen Krieg und dass nun die echten Probleme und wichtigen Themen (endlich) wieder auf die Agenda kommen. In der NZZ las ich von Genugtuung im VBS, dass sie nun endlich wieder ernst genommen werden. Wie zynisch kann man sein?

 

Ich selbst mochte mich für einen Moment lang gar nicht mit dem Weltfrauentag auseinandersetzen, mit Care-Arbeit, Rentenalter. Obwohl das so wichtige Themen sind und bleiben. Ich hatte keine Kraft. mich gegen dieses Narrativ des «woken» Westens zu wehren. Weil ich wusste, dass es wieder Kritik und Augenrollen provozieren würde. Doch ich habe die feministischen Stimmen im Diskurs vermisst. Habe mich gefragt, wenn niemand etwas sagt, dann stimmt das vielleicht. Das Unbehagen in mir war so gross, ich konnte es nicht mal in Worte fassen. Manchmal kann ich schreibend besser denken. Aber ich konnte nicht mal schreiben. Nur lesen. Und meine Freund:innen nach ihrer Meinung fragen. Die oft auch ratlos waren. Und dann schon das nächste Thema: Rassismus in der Flüchtlingsdiskussion. Diesmal seien es echt Flüchtlinge, mit blauen Augen, blonden Haaren. Kolleginnen aus der Frauensession, die darauf hinweisen, die schockiert sind. Ich bin tief betroffen und gleichzeitig weiss ich nicht, wie ich unterstützen kann ohne in Aktionismus zu verfallen. 

 

Ich bin überzeugt, dass wir unser Engagement für Menschenrechte, für faire Chancen für alle Menschen, egal welche Hautfarbe sie haben, welches Geschlecht, welche sexuelle Orientierung, welcher Religion sie angehören, gerade jetzt besonders wichtig ist. Wir können nicht mit diesem Engagement aufhören. Das ist es doch, was Menschen wie Putin wollen. Und wir wollen uns nicht von Menschen wie ihm paralysieren lassen. Eine Wohltat sind für mich deshalb die Interviews mit Leandra Bias, wie dieses hier im Berner Online Magazin Hauptstadt oder auf ellexx.com. Unaufgeregt und differenziert ordnet sie den Krieg aus einer feministischen Perspektive auf Friedenspolitik ein. Dafür ein grosses Dankeschön an dieser Stelle. 

 

Und als kleiner Exkurs hier ein wichtiges Zitat von Leandra Bias aus dem Interview mit der Hauptstadt, was Feminismus heisst

«Feminismus ist eben eine Machtanalyse, die nicht nur Frauen betrifft: Es geht darum, die Bedürfnisse aller Menschen zu berücksichtigen und nicht nur jene der Starken und Mächtigen. Das Patriarchat ist ein starkes System, welches mit Kapitalismus, Militarismus und Rassismus zusammenhängt. Diese Verbindungen wollen wir aufdecken. Wir machen aber keine Rangliste, wer am meisten benachteiligt ist, sondern wollen aufzeigen, wer auf welche Art benachteiligt ist.»

 

Nun, ich bin mit meinen Überlegungen noch nicht am Ende. Ich möchte gerne darüber diskutieren und noch mehr dazu lesen und hören. Wie ist eure Meinung? Wenn ihr gute Lese- und Hörstücke habt, gerne weiterleiten. 

 


 

 

Danica Zurbriggen Lehner

3920 Zermatt