Silencing

Ich habe einen Trigger beim Thema Sexismus. Die meisten, die mich kennen, wissen das. Viele sind darob müde. Rückmeldungen, die ich öfters erhalte: Wende dich doch einem anderen Thema zu. Es langweilt. Die Frauen müssen selbst, wenn sie wollten könnten sie... Du verrennst dich... euch Frauen geht es doch gut... Und: heute sind wir Männer diskriminiert... damit machst du nie politische Karriere, nicht bei uns. etc. etc. Ich muss zugeben, diese Rückmeldungen beschäftigen mich.

Ich überlege mir tatsächlich manchmal, andere Themen zu bedienen. Dann schrieb mir eine Bekannte, dass dies eine Strategie des Patriarchats sei: Uns Frauen glauben zu machen, wir würden übertreiben. Es nennt sich "Gaslighting", oder "Silencing". Geht im Privaten wie auch im Öffentlichen. Denn jene, die es sich im Patriarchat angenehm eingerichtet haben, die haben kein Interesse daran, dass sich Menschen dagegen auflehnen.

 

Es ist nicht so, dass mir das alles nichts ausmacht. Dass ich nicht Lust auf eine politische Karriere hätte und nicht wisse, dass mir diese mit diesem Thema nie gelingen würde. Doch ist es dieses Thema, in dem mein Herzblut drin ist. Es betrifft die halbe Menschheit. Also tut nicht so, als sei es eine Nische. Und was sich viele nicht bewusst sind: Bei Ungerechtigkeiten geht es nicht nur um das Geschlecht. Es geht auch um Herkunft, um Menschen mit Behinderungen, um Gleichwertigkeit oder darum, dass bestimmte Menschen aufgrund eines Merkmals ausgeschlossen oder privilegiert werden. Was ich nicht in Ordnung finde.

 

Wisst ihr, was mich so unglaublich müde macht? Dass ich als Frau, wenn ich Sexismus und Ungerechtigkeiten zwischen den Geschlechtern anspreche, immer meine eigene Verletzlichkeit preisgebe. Carolin Emcke beschreibt dies so treffend: «die tiefe Melancholie des Missachtetwerdens ist etwas, das kaum gezeigt werden darf. Wer seine Verletzlichkeit artikuliert, dem oder der wird gerne unterstellt, «zornig» zu sein (...) «humorlos» zu sein.» Deshalb eben mein Wunsch, dass sich auch andere einbringen. Insbesondere Männer, um es beim Wort zu nennen. Und auch, dass wir Frauen uns solidarisch unterstützen. Nicht so tun, als gehe es nur einzelne an. Ich weiss, es ist eine Gratwanderung und nicht alle mögen sich aussetzen. Dafür habe ich Verständnis. Wer will schon eine Spassbremse sein? 

 

Lustigerweise (es ist überhaupt nicht lustig) wird ja in der Politik genau dies verkannt, wenn gesagt wird, es komme nicht darauf an ob eine Frau oder ein Mann ein Amt ausübe. Männer könnten auch Frauen vertreten und umgekehrt. Aber warum sind dann an Anlässen zu Themen, die insbesondere Frauen betreffen (wie letzten Freitag jener der GLP zur Frauensession) oder wenn eine Projektgruppe zusammengestellt wird, oft nur einzelne Männer anwesend? Gerade jene, die heute bei uns im Oberwallis politisch an der Macht sind, sind nie präsent. Unsere Stände- und Nationalräte beispielsweise habe ich noch nie an einem solchen Anlass oder in einem solchen Gremium gesehen. Wo holen sie sich die Informationen? Wissen sie schon alles? Inwiefern setzen sie sich für diese Anliegen ein? Klärt mich auf, wenn ich etwas verpasse. 

 

Ich bin so unglaublich froh, dass es Plattformen wie elleXX - Close the Gaps und Personen wie Agota Lavoyer gibt, die sich dafür haben, gegen Ungerechtigkeiten und Sexismus einzustehen. Auch wenn sie sich damit angreifbar machen, Kritik aussetzen, eben als Spassbremsen bezeichnet werden. Es braucht Mut und Durchhaltevermögen. Wir sollten sie bestärken. Entgegenhalten, wenn sie Hassreden ausgesetzt sind, wie elleXX letzte Woche. Zusammen sind wir stärker.


Bild: unsplash.com


 

 

Danica Zurbriggen Lehner

3920 Zermatt