Über die Zeit. Vor, während und nach Corona.

Könnt ihr euch erinnern? Im ersten sogenannten Lockdown haben viele von uns - mich eingeschlossen - ihr Lebenstempo hinterfragt. 

Bei all der Schwere dieser Zeit war es auch ein Aufatmen. Wir hatten mehr Zeit. Zum Lesen, Wandern, für die Familie. Der Himmel war blau. Richtig blau, ohne Kondensstreifen. 

Was ist davon geblieben?

Wird die Zeit nach Corona wie die Zeit vor Corona? Ich hoffe nicht.

Ich kann hier nur für mich sprechen. Ich war und bin in einer privilegierten Situation. In fester Anstellung mit sicherem Lohn, in einer Wohnung mit schöner Aussicht lebend, Familie und Freunde um mich. Und ich schreibe hier nicht über Zertifikatspflicht, Impfen, was auch immer. Ich schreibe über die (freie) Zeit, die uns diese Pandemie brachte, und die nun wieder weg ist. So scheint es mir. 

 

Als im Herbst vor einem Jahr die Covid-Zahlen wieder stiegen und die Restaurants im Wallis schlossen, fand ich das sehr beklemmend. Nicht, weil ich jeden Tag in die Beiz gehe. Aber weil ich mich doch gerne mit Leuten auf einen Café treffe. Weil ich gerne unter Menschen bin. 

 

Noch zuvor, im ersten "Lockdown" (in der Schweiz kann man dem eigentlich schwerlich so sagen), war es noch beklemmender. "Bleiben Sie zu Hause" tönte es da aus allen Ecken. Sogar den Waldspaziergang mit der Familie überlegte ich mir zu Beginn zwei Mal. Wirtschaftliche Unsicherheiten, Angst um die Gesundheit unserer Liebsten, die Zeit war für viele Menschen schwer. Niemals hätte ich daran gedacht, dass wir eineinhalb Jahre später immernoch in dieser Pandemie drin sind. 

 

Und es hatte auch etwas Gutes. Wie eingangs erwähnt. Viele von uns haben ihre Lebenstempo hinterfragt. In Zermatt ging es vor der Pandemie gefühlt nur aufwärts. Der Winter 2019/20 wäre einer der erfolgreichsten geworden. Es war viel los im Dorf. Dann plötzlich standen die Bahnen still, war die Bahnhofstrasse leer. Ein Bild, das ich vor und nach diesem "Lockdown" nie gesehen habe. Plötzlich hatten wir alle viel Zeit mit der Familie. Was gerade in einem Tourismusort oft nur in der Zwischensaison vorkommt. Für viele hier war dies eine echte Bereicherung, eine Entlastung. Eine Mutter erzählte mir auf einem Spaziergang, dass dies alles gerade rechtzeitig kam. Ihre erwachsenen Söhne hätten sich sonst in eine Erschöpfungsdepression manövriert, so viel Arbeit hätten sie. Ich habe mich schon damals gefragt: Musste wirklich eine weltweite Pandemie kommen, damit wir sehen, dass dieses Tempo ungesund ist? Für Körper und Psyche? 

 

Ich habe mir fest vorgenommen, nach der Pandemie nicht mehr so weiterzumachen wie vorher. Mehr Pausen einzulegen. Meine Engagements zu sortieren. Was davon habe ich umsetzt? Nichts. Und so geht es scheinbar vielen Menschen in meinem Umfeld. Es scheint, als wollten wir diesen Herbst alles nachholen. Als würden wir das Gesellige wieder aufsaugen. Und ich muss auch sagen, es gibt mir Energie. Ich bin gerne unterwegs. Mit der Familie, mit guten Leuten, mit meinen Engagements. Ich bin froh, kann ich wieder regelmässig ins Büro nach Bern und spontan ins Feierabendbier. Und doch frage ich mich wohin das führt. Warum ist dieses kollektive "wir nehmen uns mehr Zeit. Für uns. Für unsere Lieben" so schnell wieder aus unseren Köpfen verschwunden? Warum ist das Tempo wieder so hoch? In der Arbeit und in der Freizeit? Wenn wir doch wissen, dass es ungesund ist. Warum ändern wir es nicht? Es müsste wohl eine kollektive Bewegung sein. Ansätze gibt es. Die tönen oft sehr radikal. Wie bei der Idee der 4-Tage-Woche in Island. Ist diese wirklich undenkbar in der Schweiz? Ich habe keine Antwort. Würde aber gerne kollektiv darüber nachdenken.

 

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Danica Zurbriggen Lehner

3920 Zermatt