Über meinen Wunsch nach mehr pädagogischem Dialog

Die Elternlobby lud zu einem Referat von André Stern mit anschliessender Podiumsdiskussion über die Zukunft der Schule ein. 

 

Die Elternlobby? Das ist ein Elternverein, der Unterschriften für die freie Schulwahl sammelt. Ich stehe der freien Schulwahl sehr kritisch gegenüber, denn ich bin eine Verfechterin der Volksschule. Ich finde, man sollte sie stärken und nicht ständig kritisieren. Doch die Elternlobby bringt das Thema Schule in die Öffentlichkeit. Das finde ich bemerkenswert.

 

Weiter unten schreibe ich weshalb. Doch ich will mich auch zum Anliegen der Elternlobby äussern, zur freien Schulwahl:

 

(Bild: stadtmama.at)

Freie Schulwahl: einfache Idee, schwierige Umsetzung

So lautet der Titel eines Artikels in der NZZ. Er fasst eine umfangreiche Expertise zu Bildungsgutscheinen und freier Schulwahl zusammen. Der Artikel schliesst mit folgendem Fazit: "Nahezu überall, auch in Schweden, haben Vouchers die sozioökonomische Segregation der Schülerschaft verstärkt und dadurch die Schulqualität ungleicher gemacht. Von der Wahlfreiheit profitieren vor allem besser gebildete Familien mit mittleren bis hohen Einkommen." Genau das ist nicht das Ziel. Die Schule soll chancengerecht sein und nicht die sozioökonomische Ungleichheit noch mehr verstärken. 

 

Aber um die freie Schulwahl an sich gehts mir gar nicht, wenn ich der Elternlobby für ihren Einsatz danke. Ich finde es mutig von diesen sechs Eltern, das Thema bei uns im Oberwallis aufzugreifen. Der Saal im Zeughaus Kultur in Glis war an jenem Abend proppenvoll, viele sassen auf den Treppen. Das zeigt, dass das Thema Schule und Bildung die Menschen hierzulande bewegt. Und daraus schliesse ich, dass es Zeit ist für mehr pädagogischen Dialog

Mein Wunsch: mehr pädagogischer Dialog (zwischen Schule und Eltern - und in der Öffentlichkeit)

Oft habe ich den Eindruck, dass sich die Schule* verschliesst, nicht bereit ist, pädagogische Themen mit uns Eltern zu diskutieren und vorschnell eine Verteidigunshaltung einnimmt. Beim Thema Hausaufgaben zum Beispiel, das Schule und Familie gleichermassen betrifft. Ich bedaure dies sehr. Doch ich kann es ein Stück weit auch nachvollziehen. Die Lehrpersonen sind die Fachpersonen. Sie haben jeweils die ganze Klasse im Blick, sind an Vorgaben gebunden, die auch sie nicht immer sinnvoll finden. Wir Eltern haben oft nur unsere eigenen Kinder im Fokus und wir sind nicht immer objektiv, entwickeln uns mitunter auch zu Tigermoms und -dads. Doch hinter jedem Verhalten liegt ein Gefühl, ein Bedürfnis. Eine Sorge vielleicht, dass das Kind in der sich so schnell verändernden Gesellschaft nicht mithalten kann und/oder der Wunsch, dass es gerne in die Schule geht, sich dort wohlfühlt. Wir sollten uns als Eltern und Schule mit der gleichen Haltung gegenübertreten, mit der wir erwarten, dass die Schule unseren Kindern begegnet: wertschätzend und unterstützend. 

 

Und: die Volksschule braucht sich nicht zu verstecken. Sie entwickelt sich in die richtige Richtung. Dies will ich mit einem Exkurs zum Lehrplan 21 aufzeigen:   


Exkurs: Lehrplan 21

Im aktuellen Schuljahr wird der Lehrplan 21 eingeführt. Mit der Ausrichtung an Kompetenzen geht die Volksschule damit neue Wege: Wissen und Können, fachliche und personale, soziale und methodische Kompetenzen stehen im Zentrum und werden miteinander verknüpft. 

 

Bildung wird im Lehrplan 21wie folgt definiert (Lehrplan 21, Kapitel Bildungsziele): 

  • Bildung ist ein offener, lebenslanger und aktiv gestalteter Entwicklungsprozess des Menschen.
  • Bildung ermöglicht dem Einzelnen, seine Potenziale in geistiger, kultureller und lebenspraktischer Hinsicht zu erkunden, sie zu entfalten und über die Auseinandersetzung mit sich und der Umwelt eine eigene Identität zu entwickeln.
  • Bildung befähigt zu einer eigenständigen und selbstverantwortlichen Lebens­führung, die zu verantwortungsbewusster und selbstständiger Teilhabe und Mitwirkung im gesellschaftlichen Leben in sozialer, kultureller, beruflicher und politischer Hinsicht führt.

Genau dies sind also die Ziele, zu denen sich die Volksschule bekennt. Genau das wünsche ich mir für unsere Kinder und Jugendlichen. Darüber kann die Schule berichten. Dass sie diese Ziele verfolgt und wie sie dies macht. Sie kann die Eltern und Bevölkerung einladen, den Unterricht zu besuchen, mit ihnen ins Gespräch kommen und einen öffentlichen Dialog führen.

 

Die Einführung des neuen Lehrplans steht übrigens erst am Anfang und es gibt - auch aus der Sicht des Kantons - noch viel zu tun. Der Kanton Wallis und die Dienststelle für Unterrichtswesen müssen sich nicht nur zum Lehrplan 21 bekennen, sondern auch die entsprechenden Ressourcen zur Umsetzung zur Verfügung stellen  (die Weiterbildung der Lehrpersonen ist aus meiner Sicht noch nicht abgeschlossen) und wo nötig die Rahmenbedingungen (z. B. in Bezug auf die Beurteilung oder die Stundentafel) anpassen.


Zurück zum Thema: Das Führen eines pädagogischen Dialogs bringt für alle Vorteile: Die Eltern fühlen sich Ernst genommen und wertgeschätzt. Das führt dazu, dass sie sich mehr mit den Anliegen der Schule und der Lehrpersonen identifizieren und sich mehr für die Schule, gute Rahmenbedingungen und ausreichend Ressourcen einsetzen. Wird die Volksschule vermehrt zum öffentlichen Thema, zeigt dies den Politikerinnen und Politikern deren Wichtigkeit auf. Denn die Schule ist nicht eine Institution, die "einfach sehr viel kostet". Sie legt die Basis für die berufliche und gesellschaftliche Zukunft unserer Kinder und Jugendlichen. Die Schweiz rühmt sich oft und gerne für ihre Innovationskraft in Bereichen der Forschung, der Industrie, der Finanzen usw. Dies kann sie auch in Bezug auf die Volksschule tun. Wir wollen in der Schweiz und im Wallis nicht Mittelmass sein was die öffentliche Schule angeht, sondern Vorbild.  

 

Ein paar konkrete Ideen:

  • Einen Elternrat oder ein Elternforum gründen und hier auch pädagogische Themen diskutieren.
  • Ein Podiumsgespräch zum Thema Hausaufgaben (oder zu einem anderen Thema) organisieren, eine Schülerin oder einen Schüler, eine Lehrperson, ein Elternteil und eine Person aus der Erziehungswissenschaft (z. B. mich ;-)) aufs Podum einladen.
  • Zu einem Schulcafé einladen. An jedem Tisch können sich Eltern, Lehrpersonen und die Schulleitungen zu einem Thema austauschen, das sie bewegt. Die Eltern und die Schule können Themen einbringen (denn auch die Schule hat Anliegen an die Elternschaft) .
  • Zum virtuellen Live-Dialog mit dem Erziehungsdirektor einladen. Bernhard Pulver machte das im Kanton Bern. Mit den Lehrpersonen zwar, man könnte es auch auf die Eltern ausdehnen.

Wichtig: ich wünsche mir einen pädagogischen Dialog. D.h., dass die Schule und Eltern sich über ihre Anliegen austauschen, die jeweils andere Seite hören und die jeweiligen Sorgen und Beweggründe kennen. Die Eltern sollen nicht entscheiden, denn entscheiden tut die Schule. Es geht nicht um ein Einmischen in die Lehrtätigkeit, sondern darum, auf ein Thema aus unterschiedlichen Perspektiven zu schauen, jede Person aus ihrer Sicht und Rolle. 

Noch etwas zu André Stern

André Stern ist 1971 in Paris geboren und dort aufgewachsen. Er ist Sohn des Malort-Gründers Arno Stern. André Stern ist Musiker und Autor. Er lebt mit seiner Frau und seinen zwei Söhnen südwestlich von Paris. André Stern ist nie zur Schule gegangen und auch seine Kinder gehen nicht zur Schule. Seine Haltung gegenüber Kindern zeugt von Vertrauen und Respekt. Es geht ihm nicht darum, das Bildungssystem zu kritisieren, sondern er will inspirieren und dazu anregen, die Dinge neu zu denken.

Wer mehr über André Stern lesen oder schauen mag findet hier einen interessanten Artikel oder hier ein Interview mit Kurt Aeschbacher. Und sonst: einfach googeln oder mal live ein Referat besuchen. 

* mit "die Schule" meine ich hier die Schule als System und nicht einzelne Lehrpersonen. Mit den Lehrerinnen meiner Kinder beispielsweise habe ich bisher immer sehr gute und zielführende Gespräche geführt. Es ist eine distanzierte Grundstimmung, die ich wahrnehme. Schon damals an der PHBern beim Evaluieren von Bildungsprogrammen, dann als Teil der Schulleitung und nun als Mutter. Immer wieder ist mir diese Grundstimmung, diese Distanz zur Elternschaft begegnet.